YOUR
Search

    17.10.2024

    Wirecard: Geschädigte Aktionäre sind keine nachrangigen Gläubiger!


    OLG München, Teil- und Zwischenurteil v. 17.09.2024, 5 U 7318/22 e

    Durch Teil- und Zwischenurteil vom 17.9.2024 entschied das OLG München, dass Schadensersatzansprüche von Wirecard-Aktionären als Insolvenzforderungen zu qualifizieren sind. Damit sind Aktionäre bezüglich solcher Ansprüche nicht erst bei der Verteilung eines hypothetischen Liquidationsüberschusses zu berücksichtigen.

    Sachverhalt

    Die Klägerin erwarb als Kapitalverwaltungsgesellschaft für institutionelle Anleger Aktien der Wirecard AG in den Jahren 2015 bis 2020. Nach dem Bekanntwerden des Bilanzierungsskandals im Jahr 2020, der zur Insolvenz des Unternehmens führte, erlitt die Klägerin erhebliche finanzielle Verluste und forderte Schadensersatz aufgrund von falschen oder irreführenden Informationen über den positiven Geschäftsverlauf, die die Insolvenzschuldnerin in der Vergangenheit veröffentlicht hatte und die Klägerin zu ihren Investitionsentscheidungen bewegt haben sollen. Im Rahmen des Insolvenzverfahrens stellte sich die Frage, ob die Klägerin als getäuschte Anlegerin für ihre Ansprüche an der Verteilung der Insolvenzmasse teilnehmen kann oder ob sie nur nach vollständiger Befriedigung aller anderen – auch nachrangigen – Insolvenzgläubiger am (illusorischen) Überschuss partizipieren darf.

    Urteil des LG München vom 23.11.2022, 29 O 7754/21

    Das LG München hatte sich in dieser Frage noch für einen sog. „Nach-Nachrang“ der Forderungen ausgesprochen. Anders als andere Gläubiger habe die Klägerin als Aktionärin bewusst in Eigenkapital der Wirecard AG investiert und müsse deshalb auch bezüglich ihrer kapitalmarktrechtlichen Schadensersatzansprüche als Anlegerin der Insolvenzschuldnerin behandelt werden.

    Teil- und Zwischenurteil des OLG München vom 17.09.2024, 5 U 7318/22 e

    Dem trat das OLG München in der kommentierten Entscheidung entgegen. Aktionäre, deren mitgliedschaftliche Sonderrechtsbeziehung mit einer Insolvenzschuldnerin erst durch die unerlaubte Handlung des Vorstands begründet wurde, stehen der Schuldnerin bei der Geltendmachung ihrer Schadensersatzansprüche als Drittgläubiger gegenüber. Das Gesellschaftsvermögen werde durch die Belastung mit einer solchen Schadensersatzverbindlichkeit nicht anders als bei sonstigen deliktischen Ansprüchen außenstehender Gläubiger in Anspruch genommen. Die Ansprüche seien daher in diesem besonderen Fall als Insolvenzforderungen im Sinne des § 38 InsO zu qualifizieren und nicht erst nach-nachrangig bei der Verteilung eines etwaigen Überschusses gemäß § 199 S. 2 InsO zu berücksichtigen.

    Anmerkungen für die Praxis

    Das OLG München hat die Revision gegen sein Urteil zugelassen und es ist davon auszugehen, dass der beklagte Insolvenzverwalter eine solche eingelegt hat. Mit einer höchstrichterlichen Klärung durch den BGH der – in der Rechtsliteratur sehr strittigen – Frage, wie deliktische Ansprüche von Anteilseignern in der Insolvenz zu behandeln sind, dürfte also zu rechnen sein. Es ist davon auszugehen, dass dieser sich der Position des OLG München anschließen wird. Die vom OLG München ausführlich zitierte bisherige Rechtsprechung des BGH ließe sich nur schwer mit der gegenläufigen Auffassung des LG München in Einklang bringen. Geschädigte Aktionäre dürften insoweit gute Erfolgsaussichten haben, künftig an Verteilungen der Insolvenzmasse teilzuhaben. Insolvenzverwalter sollten dies bei der Schlussverteilung im Blick behalten.

    Dr. Florian Weichselgärtner
    Etienne Sprösser

    Dieser Beitrag erscheint ebenso im Haufe Wirtschaftsrechtsnewsletter.

    ADVANT Beiten Advises Banyan Software on the Acquisition of tec4U-Solutions GmbH
    Berlin/Freiburg, 1 July 2026 - The international law firm ADVANT Beiten has…
    Read more
    ADVANT Beiten Advises Ningbo Cixing on the acquisition of selected STOLL assets from KARL MAYER
    Berlin, 25 June 2026 - The international law firm ADVANT Beiten has provided…
    Read more
    A New Era of Scrutiny: Analysing the Reformed EU FDI Screening Regulation and Its Impact on Germany
    Foreign direct investment (FDI) plays a critical role in fostering economic…
    Read more
    ADVANT Beiten partnered with Island Green Capital on Stake in Isar Aerospace
    Berlin, 12 June 2026 - The international law firm ADVANT Beiten has provided…
    Read more
    ADVANT Advises Pidigi S.p.A. on the Acquisition of Key Assets of Sympatex Technologies GmbH from Insolvency Proceedings
    Munich, 5 May 2026 – ADVANT Beiten has assisted the Italian firm Pidigi S.p.A.…
    Read more
    Start of first biologics rebate agreements: ADVANT Beiten advises spectrumK
    Berlin, 4 June 2026 - Effective 1 June 2026, spectrumK's first exclusive…
    Read more
    New Chinese Outbound Investment Regulations: Opportunities Through Compliance for Chinese Investors in Germany
    On June 1, 2026, Chinese Premier Li Qiang signed the State Council Order…
    Read more
    The EU's Foreign Subsidies Regulation and the Chinese "Blocking" Response: Navigating the Escalating Tensions Between Brussels and Beijing
    Introduction: A New Era of Legal Confrontation in EU-China Trade Relations The…
    Read more
    New Law: Directive on Repair of Goods Also Applies to Importers!
    Importers should be aware that consumers will have a right to have defective…
    Read more