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    10.04.2025

    Defence is the new DeepTech: Europas Innovationskraft braucht mehr Venture Capital


    Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich dramatisch gewandelt. Spätestens seit der Rückkehr Donald Trumps ins US-Präsidentenamt Anfang 2025 und seiner demonstrativen Abkehr von der NATO ist klar: Europa muss sicherheitspolitisch auf eigenen Beinen stehen. Die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 markierte einen Wendepunkt – nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der strategischen Ausrichtung. Es geht nicht mehr nur allgemein um Resilienz, sondern konkret um echte Verteidigungsfähigkeit, und zwar sofort. Verteidigungsinnovationen gelten nicht länger als "Nice to have", sondern als geopolitisches Erfordernis. Die Start-up-Szene im Bereich Defence erlebt dadurch einen nie dagewesenen Boom – getragen von Wagniskapital, staatlicher Förderung und einem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein.

    Der Bedarf an innovativen Technologien für Verteidigung, Cybersicherheit und Aufklärung steigt. Gleichzeitig gewinnen Start-ups an Bedeutung, die mit Künstlicher Intelligenz, Robotik oder Drohnentechnologien neue Impulse für die Sicherheitsarchitektur Europas liefern. Doch eines bleibt zentral, damit dieser Trend auch ein nachhaltiger wird: Ohne ausreichende Finanzierung durch Wagniskapitalgeber einerseits und die Vergabe öffentlicher Aufträge an die Start-ups andererseits bleiben viele dieser Ideen in der frühen Entwicklungsphase stecken.

    Aktuelle Entwicklungen und Markttrends

    Lange Zeit galten Defence-Start-ups in Europa als Nischenphänomen. Doch das ändert sich aktuell rapide. Laut einem Bericht des NATO Innovation Fund und Dealroom wurden im Jahr 2024 rund USD 5,2 Mrd. in europäische Verteidigungs-Start-ups investiert – ein Anstieg von 24 % gegenüber dem Vorjahr. Deutschland hat dabei das Vereinigte Königreich als größten Zielmarkt für Investitionen in diesem Sektor überholt. Besonders München hat sich als europäisches Zentrum für Defence-Tech etabliert, mit beinahe einer Milliarde US-Dollar an Investitionen allein im Jahr 2024.

    Paradigmenwechsel 2025: Sicherheitsvorsorge ist das neue ESG

    Spätestens seit der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 ist klar: Europa muss sicherheitspolitisch zunehmend auf eigenen Beinen stehen. Mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus und der klaren strategischen Neuausrichtung der USA weg von europäischen Sicherheitsgarantien ist die Ära des amerikanischen Schutzschirms de facto vorbei. Die Konsequenz: Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit eigenständig sichern – technologisch, militärisch und finanziell.

    Dieser geopolitische Umbruch hat auch die Investmentlogik verändert.

    Noch vor wenigen Jahren wurden Investitionen in militärische Technologien oft pauschal unter Verweis auf ESG-Kriterien abgelehnt. Die Vorstellung, dass „Verteidigung“ per se mit ethisch-nachhaltigem Investieren unvereinbar sei, prägte die Anlagekriterien vieler VC-Fonds. Diese Sichtweise gilt heute als überholt.

    Denn inzwischen herrscht eine neue Einsicht vor: Ohne Sicherheit gibt es keine Nachhaltigkeit. Verteidigung demokratischer Gesellschaften, Schutz kritischer Infrastruktur und Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen sind zu zentralen Pfeilern einer neuen ESG-Auslegung geworden – einer, die geopolitische Realität nicht ausklammert, sondern integriert.

    Das zeigt sich nicht zuletzt in der Praxis: Immer mehr Family Offices, Staatsfonds und themenspezifische VC-Fonds öffnen sich für Investments in sicherheitsrelevante Start-ups. Der NATO Innovation Fund (mit einem Volumen von EUR 1 Mrd.), das estnische DeepTech-Defence-Finanzierungsmodell sowie neue Fonds wie Helantic stehen exemplarisch für diese Entwicklung.

    Helantic – ein neuer Defence-Fonds mit Sitz in der Schweiz – plant, EUR 100 Mio. gezielt in Defence- und Dual-Use-Start-ups zu investieren. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf Endprodukten wie Drohnen oder Robotiksystemen, sondern auch auf Komponenten wie Akkus, Sensorik oder Softwarearchitekturen. Entscheidend ist laut den Gründern, dass ein klarer zivil-kommerzieller Markt erschlossen wird und das Gründerteam über kaufmännische Exzellenz und sicherheitspolitisches Verantwortungsbewusstsein verfügt.

    Ein Blick auf aktuelle Fondsstrukturen in Europa zeigt eine wachsende Vielfalt an Ansätzen, die sich gegenseitig ergänzen: Obwohl Helantic seinen Sitz in der Schweiz hat, liegt der Investitionsfokus klar auf Deutschland und Europa. Rund die Hälfte des geplanten Fondsvolumens in Höhe von EUR 100 Mio. soll in deutsche Start-ups fließen. Ausschlaggebend für diesen Fokus ist die hohe Dichte an qualifizierten Ingenieuren, die exzellente Forschungsinfrastruktur sowie die Vielzahl erfolgreicher Ausgründungen aus deutschen Hochschulen. Die Mittelverteilung spiegelt diese strategische Ausrichtung wider: 50 Prozent des Fondsvolumens sind für Deutschland vorgesehen, 30 Prozent für Zentral- und Osteuropa und 20 Prozent für vielversprechende globale Märkte.

    Auch Estland positioniert sich zunehmend als Impulsgeber für verteidigungsnahe Innovationen: Mit einem neu geschaffenen staatlichen Defence-Fonds in Höhe von EUR 100 Mio. investiert das baltische Land gezielt in militärische und Dual-Use-Technologien. Verwaltet von der Beteiligungsgesellschaft SmartCap, unterstützt der Fonds sowohl Start-ups als auch spezialisierte Venture-Capital-Fonds. Ziel ist es, die heimische Industrie zu stärken, neue Arbeitsplätze zu schaffen und die technologische Souveränität Europas auszubauen.

    In Deutschland – insbesondere in München, das sich 2024 zum Hotspot für Defence-Tech-Investments entwickelte – sind knapp USD 1 Mrd. in verteidigungsnahe Start-ups geflossen. Der Trend ist eindeutig: Wer heute in Sicherheit investiert, investiert in Stabilität – und in die Zukunft Europas. 

    Erfolgreiche Beispiele aus der Praxis

    Ein Blick auf die Start-up-Landschaft zeigt: Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten. Das Unternehmen Helsing mit Sitz in München entwickelt KI-Lösungen zur Auswertung von Sensordaten für militärische Systeme und konnte 2024 eine Finanzierungsrunde in Höhe von EUR 450 Mio. abschließen. Auch das deutsche Robotik-Start-up ARX Robotics, das modulare unbemannte Fahrzeuge entwickelt, erhielt jüngst Mittel aus dem NATO Innovation Fund.

    Ausblick und Empfehlungen

    Um das volle Potenzial der Start-up-Szene zu entfalten, braucht es:

    • Mehr spezialisierte Wagniskapitalgeber mit einem tiefen Verständnis für Dual-Use-Technologien,
    • effizientere regulatorische Prozesse und bessere Schnittstellen zwischen Unternehmen, Investoren und Ministerien, insbesondere die Möglichkeit, Großaufträge auch an junge Start-ups statt nur an etablierte Unternehmen vergeben zu können,
    • sowie ein breiteres gesellschaftliches Verständnis dafür, dass Verteidigung und Innovation keine Gegensätze sind.

    Nur wenn es gelingt, zentrale Elemente zu verbinden – spezialisiertes Kapital, regulatorische Klarheit und gesellschaftliches Verständnis – wird Europa im Wettbewerb um sicherheitsrelevante Technologien langfristig bestehen können. Venture Capital spielt dabei eine entscheidende Rolle. Mindestens genauso wichtig ist aber eine positive und pragmatische Einstellung der Politik zu den zahlreichen Defence-Start-ups. Sie sollten integraler Bestandteil einer neuen Beschaffungsstrategie der europäischen Armeen werden, so dass letztere von den schnellen Innovationszyklen der Start-ups profitieren können.

    Die beschriebenen ersten positiven Trends auf diesem Feld müssen nun von allen Stakeholdern gemeinsam in das Stadium einer nachhaltigen Entwicklung überführt werden. Dazu muss es gelingen, die Akzeptanz nicht nur von Defence-Tech, sondern von Venture Capital insgesamt in der Breite der Gesellschaft deutlich zu erhöhen. Nur mit der Hilfe von Start-ups sind wir in der Lage, den europäischen Innovationsrückstand gegenüber den USA und Asien wenigstens teilweise aufzuholen und gleichzeitig die europäische Sicherheitslage zu verbessern.

    Danielle Golinski, LL.M. 
    Dr. Mario Weichel

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